Was einem gleich auf den ersten Blick auffällt ist die düstere Stimmung in den Bildern. Nicht, weil das Gesicht von meiner Freundin verdeckt ist. Vielmehr weil es die bis dato krasseste Erfahrung gewesen ist, die wir in Norwegen (leider) sammeln sollten. Nicht viele können von sich behaupten, dass ihr Reisegepäck erst nach 5 Tagen ankommt. Und dann auch nicht mal dort, wo man ursprünglich gelandet ist, nämlich in Tromsø. Viel weiter südlich und mit Nerven aus Stahl, die aber allmählich von SAS Airlines durchgeflext wurden. 

Nördlich des Polarkreises versteckte die Sonne sich nicht mehr hinter der Erde, sondern kuschelte sich in die Wolkendecke, welche sich endlos wie Wollbällchen über den Horizont unter unserem Flugzeug erstreckten und mir einen wunderbaren Vorgeschmack auf Norwegen geben sollte. Minutiös veränderte sich das Licht in seinen verschiedensten Farbspektren, so dass man sich schon über dem Festland in eine andere Welt versetzt fühlte.  

Alles endete von Beginn an in Berlin. Das Fluggepäck wurde viel zu spät auf das Gepäckband gegeben, so dass wir unser Gepäck nicht in Oslo neu einchecken und in Tromsø in Empfang nehmen konnten. „Sowas passiert halt“, dachten wir uns und fuhren mit einem Starter-Kit von der Fluggesellschaft SAS per Taxi in unser vorab gemietetes Hotelzimmer in Tromsø. Am nächsten Morgen riefen wir am Flughafen an und sorgten uns um unser Gepäck, da die von der Airline zur Verfügung gestellte, sogenannte „Tracking“-Suche ohne Erfolg blieb, sprich, unser Gepäck war „Lost & not Found“. Der Berliner Flughafenservice „Lost & Found“ konnte uns auch keine Rückmeldung darüber geben. Alleinig, dass es zu massiven Problemen mit dem Reisegepäck in Berlin und in Oslo kam lies unsere Hoffnung, unser Gepäck so schnell wie möglich wiederzusehen, nicht wirklich steigen. Im Gegenteil. Meine Freundin und Ich hatten vor, noch am selbigen Tag immer Stück für Stück über den Nationalpark Senja per Fähre in die Lofoten hinunter zu fahren und letztendlich die schönsten Fischerdörfer wie Reine & Å zu bereisen und zu bewundern. Anstatt  die ersten Tage mit ausgiebigem Wandern und Himmelsdach, begnügten Wir uns die weiteren 4 Tage damit, den Flughafen in Tromsø, Oslo und Berlin anzurufen und weitere 2 Nächte unter dem Autodach zu nächtigen (Ford Fiesta). Gleichzeitig wussten wir auch nicht, ob wir dann trotzdem hinunter fahren sollten, aber taten es einfach am dritten Tag, nachdem wir noch eine Nacht in Tromsø genächtigt hatten. Angekommen mit Fotoausrüstung und Unterwäsche und T-Shirt am Leib machten wir uns zusätzlich auf die Suche nach einem Outdoorladen, in dem man passende Kleidung finden konnte. Da in unseren Rucksäcken Zelt, samt Isomatten und Schlafsäcke verstaut waren, bemühten wir uns immer wieder günstige Unterkünfte zu finden. Aus dem guten Willen heraus, die Sachen würden spätestens nach 24 Stunden ankommen, schlossen wir beide auch keinerlei Reiseversicherung ab. Wir kauften Alles zunächst ohne Versicherung der Fluggesellschaft auf Pump. Da überlegt man sich dann natürlich 2 Mal, ob man sich eine einfache Fleece Jacke von Norheim oder unbedingt die 220€ Jacke von Bergans holt. Kurzum lagen die Nerven bei uns Beiden nach 5 Tagen blank bis endlich alles am Flughafen „Leknes“ ankam.

Eine unserer Wanderungen sollte die mithin Bekannteste in den Lofoten sein, die Dronningruta, die Königinroute. Mit knapp 5 Stunden und 30 Minuten von Nyksund vorbei am Mælen, über das Nyksundskaret, hinauf zum Finngamheia, über den Kjølen bis nach Stø und über das moorige Gebiet am Strand zurück über die Nyksundskaret zum Ausgangspunkt. Gerade für meine Freundin hatte es der Weg nach tagelangen Regen in sich. Ihre neuen Schuhe waren zumindest ihr Geld wert. Es schmatzte nur so unter unseren Füßen. Die Sohle grub sich in den weichen Schlamm ein. Der Weg führte abschüssig an einem kleinen Birkenwald vorbei, wo wir uns beim kurzen Abstiegspart an kleinen herausstehenden Ästen klammerten, um den Halt nicht zu verlieren. Die Radarstation von Stø war von hier aus schon zu sehen und keiner von uns wusste, wie anstrengend der Weg noch werden sollte. Nicht, dass der Regen uns zu schaffen machte. Es war eher der Wind der in den Höhen immer stärker auftrat. Das größte Erlebnis, was ich in Deutschland hatte, war auf der Brockenspitze in 1142m, als ich mit einem Freund bei Orkanwarnung auf dem Gipfel stand. Böen mit 160 km/h hatten uns so sehr in die Knie gezwungen, dass man sich mit aller Kraft gegen den Wind stellte. Ich hoffte indes für meine Freundin, dass dies hier hoffentlich nicht der Fall sein sollte. Doch es kam anders. Zwar nicht ganz so stark, aber auf den Passagen an dem subjektiv die stärkste Angrissfläche eines Berges, der Sattel ist, kam es 2 malig zu Panikattacken meiner Freundin. Gerade zum Anfang hin will man als Bergwanderer nicht so ein Wetter haben und wenn dann die Naturgewalten so stark zuschlagen, dass man vom Sturm zur Seite gedrängt wird oder die Böen einen auch mal an den Hang schmeißen, dann kann man schon mal Angst & Bange haben. Ich als Abenteuerlustiger sah das alles ein bisschen anders, aber auch deswegen, da ich die Erfahrung schon gemacht hatte. Desweiteren waren die Passagen auch sehr, sehr breit, so dass man nicht wirklich wegfliegen konnte. In Schottland hatte ich damals schon die Erfahrung gemacht, dass man an engen Wegpassagen an einem Berg extremst aufpassen muss, wenn die starken Böen nicht von unten, sondern von oben kommen und einem, besonders mit schweren & großem Gepäck, den Abhang herunter bläst. Hierbei kann man sich schwere Verletzungen zuziehen. Darum ist es wichtig einen kühlen Kopf zu bewahren und die Gefahr abzuschätzen, wohlmöglich auch mal zu pausieren. Sie nahm meine Hand und wir kämpften und stemmten uns gegen den Sturm und gelangten schließlich immer weiter Richtung Strand. Selbst ohne Karte war es nicht wirklich möglich sich zu verlaufen, da alle 20 Meter ein rotes „T“ als Wegmarkierung diente. Doch wie im wahren Leben kam nach dem Sturm auch wieder die Sonne. 

Der Ausblick war fantastisch. Felsen & Steine  umschlossen von sattem Grün auf den Kämmen, Gipfeln und Hängen. Der Weg, teilweise Anstrengend, mit tollen Aussichten auf die Seen, die von oben herab aussehen, als würden sie direkt neben dem Meer ihr Leben fristen. Diese Ruhe nach dem lautstarken Wind, der über die Sattel fegte, als hätten Trolle sich im Kreis wirbelnd daneben gestellt und versucht uns zu ärgern. Der Weg führte uns hinab ins Tal. Wie man vom wandern her weiß, ist das hochwandern gerade in steilen Passagen zwar belastender, aber gehtechnisch leichter, als herabwandern. An diesen steilen Passagen ist es daher gerade für die Konzentration nach knapp 4 Stunden Wanderung anstrengender. Wir erreichten den Strand bzw. den Campingplatz wo auch eine Hütte in form eines Holztippis aufgebaut war. Der Regen fing auch wieder an und wir suchten Unterschlupf darin. Die Bänke waren mit Schafsfell ausgelegt und wir deckten uns beide damit zu, um uns aufzuwärmen, denn die Sachen waren alle von Außen & Innen durchnässt. Auf den Bänken sitzend, bereiteten wir uns am Gaskocher wieder eine 5 Minuten Terrine zu. Der Rückweg betrug noch 2 Stunden, doch meine Freundin wollte berechtigterweise nicht mehr weiter. Es waren nicht nur die psychischen Strapazen, sondern auch die physischen. Nicht, dass sie nicht hätte weiter gehen können, aber der Aufstieg am Mælen war zu steil und zu matschig. Wie sollte dann erst der Abstieg dort werden? 

Ich beschloss, Sie mit schwerem Herzen alleine in der Nothütte zu lassen und mich auf dem Rückweg zum Auto zu machen, ließ aber meinen Wanderrucksack bei ihr, um Kraft & Zeit zu sparen. Der Rückweg begann zunächst wunderschön, zumindest für die Augen. Links die tolle Moorlandschaft und die Bergkette im Hintergrund und rechts das offene Meer mit seinen vom Wind zerfetzten Wolken, dahinter die nicht untergehen wollende Sonne. Die Armbanduhr um meinem, vom abstützen am Berg, verdreckten und nassen Handgelenk zeigte schon 22:00 Uhr an, als ich die Hälfte hinter mir hatte. Meine Wanderschuhe waren „durchsifft“. Da half auch keine 3-Fach-Imprägnierung und einwachsen mit Grönlandwachs mehr. Kurz bevor es wieder Bergauf ging, kurz vor der Kreuzung am Nyksundskaret, musste ich erstmal schlucken und guckte nicht richtig. Links neben mir ein riesiger Bergsee, der sich genau vor mir verjüngte und  sich in einen Bach öffnete. Die Verjüngung war um die 20 Meter breit und von größeren Steinen durchsiebt. Diese waren dann wohl meine Fahrkarte auf die andere Seite. Ich guckte  sie mir, bevor ich mit den Stiefeln rüber ging, allesamt genau an. Wie tief sie im Wasser waren und die Abstände, um innerlich den Weg zu gehen. Innerhalb von wenigen Sekunden hatte ich es geschafft. Der Weg zum Auto war frei, meine Feundin knackte in der Wartezeit den Doodle Jump Rekord und der Tag gerettet. Norwegen dankte es uns mit einem wundervollen Sonnenuntergang.